Der Spätsommer ist längst in der Schönen Aussicht eingezogen.

Die Kastanienallee mit ihrem saftgrünen Blätterdach verschafft tagsüber kühle Momente und verwandelt sich abends zu einem Ort der Begegnung – abends, wenn die bunten Glühbirnen der Lichterketten angehen und sich die Allee mit ihren Bewohnern füllt. Dann wird stundenlang Boule gespielt, gegrillt und gesungen. So sind die freien Tage in der Schönen Aussicht: leichtherzig und fröhlich.

Vor seinem Buch- und Schreibwarenladen „Die Schwalben“ hat es sich Katzin bereits bequem gemacht und genießt seinen Feierabend. Heute konnte er die kleine Maja mit einem Vogelkunde-Buch bereichern, Annelie hat sich für die Abenteuer des Tom Sawyer entschieden und Manu übt nun fleißig mit seinem Kalligraphie-Set die Schönschrift. Heute ist aber auch ein besonderer Sommerabend, denn in der Nacht soll ein Glühwürmchenschwarm die Schöne Aussicht besuchen und für das schönste Licht in dieser Jahreszeit sorgen. Katzin hat bereits 24 solcher Sommerabende miterlebt und doch versetzen ihn die kleinen Leuchtkäfer in Erstaunen und Glück zugleich. „Das Leben ist schön, wenn man seine Augen dafür nutzt, die Schönheit auch zu sehen.“ schreibt er in sein rotes Notizbuch und klopft drei Mal darauf. Das Klopfen ist eine Angewohnheit seit seiner Schulzeit. Bei jedem guten Gedanken, den Katzin aufschreibt, soll das Klopfen verhindern, dass er ihn vergisst.

„Das Leben ist schön, wenn man seine Augen dafür nutzt, die Schönheit auch zu sehen.“

Langsam trudeln die ersten Schwalbenkinder ein, bepackt mit ihren Matten und Kissen, die sie um Katzin herum ausbreiten. „Hallo, meine lieben Schwalbenkinder!“ begrüßt Katzin seine treuen, kleinen Freunde, die ihm ein herliches „Halloooo!“ entgegnen.

Oh, ich sehe, Mino ist wieder aus dem Ferienlager zurück. Ein liebes Willkommen auch an dich!“ sagt Katzin. „Willkommen, Minoooo!“ sagen die Schwalbenkinder im Chor. Mino blickt verlegen auf den Boden und drückt nur schwer das Wort „Hallo“ aus seinem Mund.
„Na, na, Mino! Weshalb bist du heute so schüchtern? Erzähle uns doch wie deine Ferien am See waren. Das würde uns alle interessieren!“ fordert Katzin ihn auf und die Schwalbenkinder nicken ihm zu. „Die waren ganz gut.“ murmelt Mino, aber seine Stimme klingt wie das Gegenteil von gut. Katzin runzelt die Stirn und fasst sich ans Kinn. „Hast du viele Abenteuer erlebt, Mino?“ fragt ihn Mili, die ihren ganzen Mut für diese Frage gefasst hat. „Nicht so viele.“ sagt Mino leise. „Oh. Okay.“ Mili will nicht weiter bohren, denn ihre Wangen sind schon ganz rot und ihre Ohren fühlen sich heiß an.
„Mino erzählt uns bestimmt über seine Ferien, wenn er Lust dazu hat.“ sagt Katzin und klopft ihm auf die Schulter.

„Herr Katzin, kommen heute die Glühwürmchen?“ fragt Mariella während sie Mino zuzwinkert.
„Laut meinen Berechnungen, Mariella, sollen sie heute Nacht zu sehen sein, ja.“ antwortet Katzin und entgegnet ihr ebenfalls ein Augenzwinkern. „Was wisst ihr über Glühwürmchen?“ will Katzin von den Schwalbenkindern wissen.
„Sie glühen.“ sagt Manu und alle lachen.
„Der lateinische Name für Glühwürmchen ist Lampyridae.“ fügt Maja hinzu und rückt ihre Brille zurecht. Katzin nickt ihr zu. „Sehr gut, Maja.“
„Glühwürmchen sind keine Würmer, sondern Käfer.“ sagt Mariella.
„Glühwürmchen leuchten auf, um mit anderen Glühwürmchen zu reden.“ sagt Lili.
„Glühwürmchen leuchten ihr Licht, um Fortpflanzungspartner auf sich aufmerksam zu machen und sich zu vermehren.“ sagt Eli und alle lachen wieder.
„Na, da braucht ihr nicht zu kichern, denn das ist der Lauf der Natur. Eli hat recht!“ Aber Katzin ist gar nicht zu hören, zu laut ist das Gelächter der Schwalbenkinder.
„Glühwürmchen heißen auch Leuchtkäfer.“ sagt Meli, als es wieder still ist. Katzin nickt: „Ja, Meli! Leuchtkäfer werden sie hier in unseren Gefilden genannt.“

„Glühwürmchen leuchten auf, um ihren Seelenverwandten zu finden.“ sagt Mino leise und alle schauen ihn fragend an.
„Ja, Mino. Das stimmt. Weißt du, was ein Seelenverwandter ist?“ fragt Katzin und lächelt Mino an. Mino denkt kurz nach und antwortet dann:
„Ein Seelenverwandter ist ein Mensch oder ein Tier oder ein Insekt, das genau gleich ist wie ein anderer Mensch oder ein Tier oder ein Insekt. Aber nicht vom Aussehen her, sondern von der Seele.“ Katzin streicht über seine Stirn. „Ja, das ist in etwa die korrekte Beschreibung.“
„Ein Seelenverwandter ist immer ein Freund, der einen nie verlässt.“ ergänzt Mino.
Lili schaut Mariella an: „Dann bist du mein Seelenverwandter.“ Mariella lächelt. „Und du meiner.“
„Also ist ein Seelenverwandter ein Freund, der einem sehr ähnlich ist?“ fragt Katzin weiter.
„Ja.“ sagt Mino. „Und können wir dann nicht alle Seelenverwandte sein, weil wir irgendwie gleich sind?“ fragt Mariella. „Das ist eine sehr gute Frage. Ich würde sagen: Ja!“ Katzin ist manchmal doch sehr erstaunt, wie seine Schwalbenkinder die Welt und die Dinge sehen.

„Ich will euch was erzählen. Das passt ganz gut.“ Die Schwalbenkinder schauen Katzin erwartungsvoll mit großen Augen an.
„Ich habe einen Freund, den kenne ich sehr, sehr lange.“
„Wie heißt dieser Freund?“ fragt Lili.
„Mein alter Freund heißt Anton.“
„Ist er denn so alt?“ wundert sich Manu.
„Er ist so alt wie ich, also ja!“ Da mussten die Schwalbenkinder erneut laut lachen, denn Katzin war nun wirklich alt.
„Das habe ich gemeinsam mit Anton. Wir sind beide alt. Aber wir lieben es auch Geschichten zu erzählen und Lieder zu singen. Man könnte sagen, wir haben sehr viele Gemeinsamkeiten.“
„Also ist Anton dein Seelenverwandter, Herr Katzin?“ fragt die schüchterne Mili.
„Ja, das ist er. Aber ich habe auch eine sehr nette Freundin, sie heißt Elisabeth und ist jünger als ich. Aber wir haben die Gewohnheit entwickelt, stets die Sätze des anderen zu beenden.“
„Ergeben die dann immer noch Sinn?“ Eli runzelt die Stirn.
„Und ob! Denn sie weiß immer, was ich sagen werde und ich weiß, was sie sagen wird.“

„Also ist Elisabeth auch deine Seelenverwandte?“ fragt Manu.
„Oh ja, das ist sie. Und dann kenn ich noch den kleinen Mino.“ Sagte Katzin und schaut in Minos Richtung. Seine Äuglein blitzen kurz auf, er fühlt sich ganz ertappt.
„Mino und ich haben eine besondere Gemeinsamkeit. Wir lesen zwischen den Zeilen.“
„Das stimmt!“ sagt Mino nun mit einer festen Stimme.
„Und eine weitere Gemeinsamkeit ist, dass abstrakte Worte in unserer Welt Farben haben.“
„Ja! Das stimmt, Herr Katzin! Das ist wahr!“ Mino ist ganz außer sich vor Freude, denn bis vor Kurzem noch, hätte er es nicht für möglich gehalten, dass auch er einen Seelenverwandten hat.
„Farben? Abstrakte Dinge? Ich verstehe das nicht.“ Eli schüttelt den Kopf und auch die anderen verstehen das nicht.
„Nun, Liebe zum Beispiel. Welche Farbe hat Liebe für euch?“
Die Schwalbenkinder denken nach, aber die Fragezeichen werden größer und größer.
„Gelb!“ sagen Katzin und Mino gleichzeitig.
„Und was ist mit… mit… Glück?“ fragt Manu.
„Violett!“ Wieder antworten die Beiden im selben Moment. Da muss Mino anfangen zu lachen. Er lacht und lacht und vergießt sogar ein paar Tränchen.

„Meine Kinder! Schaut in die Welt, lernt die Menschen kennen, jeder von ihnen ist auch euer Seelenverwandter genau dann, wenn ihr besonders jemanden braucht oder wenn euch jemand besonders braucht. Verschließt nicht die Augen, da sind überall Gemeinsamkeiten.“
In diesem Moment leuchtet es auf in der Schönen Aussicht. Die Glühwürmchen verstreuen sich über die Kastanienallee, senden ihre Nachrichten und finden sich. Einem Sternenhimmel gleich.
„Herr Katzin?“ Mino steht nun neben Katzin und sagt: „Freundschaft ist ein blaues Wort.“
„Ja, Mino. So blau wie der Himmel.“ antwortet Katzin und streicht ihm sanft über den Kopf.

Vorheriger Beitrag
Über die Schöne Aussicht

Ähnliche Beiträge

No results found

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Bitte füllen Sie dieses Feld aus

Ich akzeptiere

Bitte füllen Sie dieses Feld aus
Bitte gib eine gültige E-Mail-Adresse ein.
Sie müssen den Bedingungen zustimmen, um fortzufahren

Menü